Momente des Lebens: Ein Treffen in der Unendlichkeit

Momente des Lebens: Ein Treffen in der Unendlichkeit

Es ist 5:15 und wie schon in den letzten Tagen ist er zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Er kniet sich nieder und berührt den Boden sanft mit seinen Fingerspitzen. Der Stein ist willkommen kühl. Bald würde erneut die Hitze des Tages kommen. 

Bereits jetzt ist die Luft von einer leichten Schwüle durchdrungen. Schließlich sinkt er komplett auf den Boden und blickt für einige Sekunden auf den Horizont, wo die ersten Sonnenstrahlen den Beginn eines neuen Tages ankündigen. 


Den linken Fuß auf den rechten Oberschenkel, denkt er leise und hilft mit der Hand nach, um die gewünschte Haltung zu erreichen. Der Fuß fügt sich geschmeidig und ein kleines Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus.


Den rechten Fuß auf den linken Oberschenkel. 

Diesmal spürt er einen leichten Stich. 


»Du bist unausgeglichen!«, hört er seinen inneren Kritiker empört aufrufen. Er schüttelt den Kopf über sich selbst. 


Dann richtet er sich zu einer geraden Haltung auf, schließt die Augen und lauscht seinen Gedanken.


»Hörst Du mich? Unausgeglichen bist Du. Nur damit Du es weißt, Du solltest das rechte Bein besser trainieren!«, spricht die Stimme in seinem Kopf mit großer Entschlossenheit weiter.


Ja das sollte er wahrscheinlich, oder vielleicht auch nicht. Er bewegt seine Wirbelsäule ein wenig von links nach rechts, um eine angenehmere Position zu finden, in der er für einige Zeit ruhig verweilen kann, ganz ohne sich zu bewegen. 


Sein Ziel ist nicht die Haltung und dennoch will er es bequem haben. Eigentlich will er sich bloß frei von seinen sich ständig im Kreis drehenden Gedanken machen. 


»Was machst Du denn überhaupt hier in diesem fremden Land? Ist das alles nicht ein bisschen lächerlich - hier einfach … rumzusitzen? Denk doch an alles was du erreichen könntest, stattdessen vertrödelst du hier deine Zeit«. Die Stimme in seinem Kopf gibt nicht auf und versucht ihn wie so oft, aus der Ruhe zu bringen.


Auch wenn die Worte ihn treffen, lässt er sie an sich vorüberziehen, wie Wasser in einem Bach. Er atmet tief ein und spürt Erleichterung in sich aufsteigen, dass es ihm mittlerweile immer besser gelingt, sich nicht an seinen Gedanken festzubeißen. Anschließend lässt er auch dieses Gefühl ziehen und beginnt immer mehr die Leere, die Pause zwischen seinen ganzen Gedanken und Gefühlen zu suchen, bis es stiller in seinem Kopf wird. 


Immer weniger Gedanken kommen auf, immer weniger Gefühle nehmen ihn mit auf ihre emotionale Achterbahn, bis er plötzlich von einem Moment zum nächsten im Nichts landet. 


Es ist beruhigend wie verstörend zugleich. Da ist nichts, gar nichts. Kein Gedanke, kein Gefühl - Nichts. 


Und dann von einem Augenblick zum Nächsten spürt er es zum ersten Mal: Mitten aus dem Nichts, kommt ein … Lächeln. Es hat eine innerliche Größe und emotionale Tiefe, die alles übertrifft, was er zuvor jemals in seinem Leben gespürt hatte und er fühlt sich vollkommen und angenommen – genau so, wie er ist, mit all seinen Fehlern, Sorgen, Ängsten und Nöten. Als sei er eine Farbe im Regenbogen, nicht besser und nicht schlechter als alle anderen - einfach nur ein Bestandteil von etwas Größerem, das eine Facette von sich Selbst durch seine Existenz ausdrückt. 


Mit dieser Erfahrung kommt auch ein tiefes Gefühl von bedingungsloser Liebe - für ihn, für seine Mitmenschen, für die Welt.


Er versucht so gut es geht in diesem Gefühl zu verharren, auch wenn er weiß, dass er es nicht steuern kann. Es ist schlichtweg außerhalb seines Einflussbereichs. Doch heute hat er Glück und ihm werden lange Momente in dieser Liebe geschenkt. 


Währenddessen löst sich die Sonne endgültig vom Horizont und wärmt ihn mit ihren Strahlen. 


Es wird heißer. 


Er bewegt sich nicht, denn tief in seinem Inneren genießt er die Stille und das Gefühl endlich zu Hause angekommen zu sein.