Der verloren geglaubte Weg

Der verloren geglaubte Weg
Ich bin verloren. Daran gibt es nichts, wirklich gar nichts schönzureden! Nicht nur, dass ich mich verirrt habe, ich bin noch dazu ganz alleine und auf mich selbst gestellt! Großartig!, denkt sie frustriert.
Eigentlich war dieses auf-sich-gestellt-sein der Grund für sie, diese Pilgerreise überhaupt anzutreten.
Sie wollte wissen was passiert, wenn sie sich auf diesen Weg macht - ganz ohne Technik, mit nicht viel mehr als einer Karte aus Papier und einer ganzen Menge Vertrauen im Gepäck.
Außer einer in ihren Augen halbwegs realistischen Routenplanung hatte sie keine weiteren Vorkehrungen getroffen. Nicht einmal Unterkünfte hatte sie vorgebucht - sondern war einfach losgegangen - um zu sehen, wohin sie dieses kleine Abenteuer ihres Herzens führen würde.
»Nun weiß ich es«, sagt sie mit einem Anflug von Bitterkeit in der Stimme. Vor einer gefühlten Ewigkeit kam sie vom Weg ab und war vor wenigen Minuten über einen Baum gestolpert.
Was danach passierte, hatte der ganzen Sache die Krone aufgesetzt.
Denn sie hatte sich überschlagen und kullerte, ohne es verhindern zu können, einen Hang hinunter - Sie wusste gar nicht, dass sowas möglich war, ohne sich dabei alle Knochen zu brechen. Trotzdem ist sie jetzt - bis auf ein paar blaue Flecken scheinbar unversehrt - am unteren Ende des Hanges gelandet.
Verärgert über sich selbst schüttelt sie den Kopf.
Musste das alles wirklich sein? Warum bin ich nicht einfach zu Hause geblieben?, fragt sie sich.
Doch wenn sie ehrlich ist, dann hat sie darauf eine ziemlich gute Antwort:
Sie konnte nicht mehr. Sie war fertig mit ihrer Arbeit und all dem Stress, der fixer Bestandteil ihres täglichen Lebens war. Sie brauchte eine Auszeit und irgendwie erschien ihr eine Pilgerreise dafür genau das richtige zu sein.
»Schön entspannt durch die Natur spazieren und einfach die Gedanken schweifen lassen.«, sagt sie und erinnert sich, wie sie dieselben Worte benutzt hatte, um ihrer Freundin davon zu erzählen.
Diese hatte sie schon damals schräg angesehen und langsam während sie so im Dreck am Fuße des Hanges liegt, dämmert es ihr auch, warum.
Sie steht auf und wischt sich so gut es geht, den Schmutz von der Jeans. Dann blickt sie nach links und rechts und stellt fest, dass sie auf einem begehbaren Pfad gelandet war, und nicht mitten im Nirgendwo.
»Das ist schon mal ziemlich gut. Dieser Weg sollte zumindest irgendwohin führen, von wo aus ich wieder auf meine Route zurückfinden kann«, versucht sie sich selbst Mut zu machen.
Die weniger gute Nachricht ist, dass ich komplett die Orientierung verloren habe, denkt sie und entscheidet sich nach links zu gehen. Denn sie hat so ein Bauchgefühl. Und das ist im Moment das Einzige, was ich zur Verfügung habe.
Die nächste halbe Stunde verbringt sie damit zu überlegen, ob sie besser wieder umdrehen und in die andere Richtung gehen sollte. Doch dann, als die Zweifel langsam immer größer werden wird sie überrascht:
Vor ihr an einem Baum, durch Witterungseinflüsse schon fast unsichtbar geworden, sieht sie eine der Markierungen, die den Pilgerweg kennzeichnet.
Sie läuft erfreut darauf zu und gibt dem Zeichen einen Kuss.
Wer hätte gedacht, dass ich wegen einer Wegmarkierung jemals emotional werde?, denkt sie schmunzelnd.
Als sie beruhigt weiter geht und ihre Gedanken endlich schweifen lassen kann, fällt ihr etwas auf.
»Ich habe auf dieser Wanderung schon mehrmals den Weg verloren. Zwar noch nie auf so eine dramatische Weise wie heute, aber doch immer wieder und trotzdem habe ich auch jedes Mal den richtigen Pfad wiedergefunden und bin ein ganzes Stück vorangekommen«, murmelt sie.
Sie geht viele weitere Schritte, bevor sie den nächsten Gedanken zulässt.
Und vielleicht ist das auch in meinem Leben so und ich kann meinen eigenen Weg gar nicht verlieren und finde ihn trotzdem immer wieder, denkt sie so leise, dass sie es selbst kaum wahrnimmt.
Denn irgendwie erscheint ihr dieser Gedanke ziemlich unglaubwürdig, auch wenn ein Teil von ihr sehr überzeugt davon ist, dass er wahr ist.