Dankbarkeit

Dankbarkeit
Es ist wieder einer dieser Tage.
Er nimmt den kleinen Rechen in die Hand und zieht damit zarte Linien durch den Sand.
Zumindest .... versucht er es.
Seine Hand scheint ihm nicht recht zu gehorchen und die Spur, die er hinterlässt, erscheint ihm mehr als zittriges Gewackel als eine sanft geschwungene Linie. Er atmet tief durch und konzentriert sich.
Es ist dunkel um ihn. Das einzige Licht kommt von der Lampe, die den zarten Bonsai und das Brett mit Sand vor ihm beleuchtet.
Nochmals von vorn - wage einen neuen Versuch, ruft er sich zur Ordnung.
Wieder sind die Linien, die er in seinem japanischen Miniatur-Zen Garten zeichnet, kaum als solche zu erkennen. Am liebsten würde er den Rechen, der auch aus einem Puppenhaus stammen könnte, quer durch den Raum an die Wand werfen.
Vermutlich mache ich es nur nicht, weil ich mir bereits albern genug vorkomme.
Mit fahrigen Fingern legt er den Rechen zurück in den Sand. Dann lehnt er sich frustriert in seinem Sessel zurück und massiert sich die Schläfen, in der Hoffnung, dass die Kopfschmerzen verschwinden.
Es ist einer dieser Tage, an dem Nichts so richtig zu funktionieren scheint. Dinge laufen scheinbar ohne richtigen Grund schief und er hat den Eindruck, eine Katastrophe folgt der Nächsten.
Schließlich, als er das Gefühl der Spannung in seinem Kopf nicht mehr auszuhalten glaubt, hört er ein Wort aus seinem Herzen aufsteigen:
»Danke«
Mit ihm kommen Bilder von einfachen und dennoch wunderschönen Erlebnissen aus seinem Leben: Wiesen im Frühling, er selbst im Schatten eines Obstbaums, ein gutes und ausgelassenes Essen mit seiner Familie.
Ihm wird bewusst, wie oft er die Geschenke des Lebens in letzter Zeit übersehen hat und statt dankbar dafür zu sein, fokussiert er sich gerade auf die wenigen Kleinigkeiten, die schief laufen.»Danke«,
flüstert er in die Nacht und hat das Gefühl, gehört zu werden. Er meint sogar ein stummes Nicken der Anerkennung als Antwort zu erhalten.
In diesem Moment löst sich der Kopfschmerz und als er das Licht in seinem Büro wieder anknipst, verschwindet nicht nur die Dunkelheit, sondern auch das Gefühl, dass all die Katastrophen des heutigen Tages so übermächtig wären.
In Dankbarkeit über all die Geschenke, die er in seinem Leben bereits erhalten hatte, macht er sich wieder an die Arbeit - bei der ihm jetzt sogar ein kleines Lächeln über die Lippen kommt. Denn ihm ist gerade bewusst geworden, wie gut es das Leben mit ihm bisher gemeint hat.