Wiedergeburt

Wiedergeburt
Innerlich fühlt sie sich müde - doch für den Moment des Abschieds steht sie immer wieder gerne auf:
»Josy, danke Dir nochmals«, sagt Daniel und fügt hinzu: »Die Zeit hier bei Dir war einfach - unglaublich«.
»Komm trink deinen Kaffee - dein Tag wird noch lang.«, entgegnet sie. Er nickt, nimmt den letzten Schluck und sie umarmen sich. Unauffällig lässt sie dabei ein kleines Kärtchen in der Tasche seines Kapuzenpullis verschwinden.
Als er sich mit seinem Rucksack nach draußen in die Sonne begibt, ruft er ihr noch ein kurzes »Ciao« über die Schulter zu.
Dann ist er im Licht verschwunden.
»Gute Reise«, flüstert Josephine ihm hinterher. An diesem Ort kennt man sie allerdings als Josy. Es passt besser zu ihrem Leben hier. Es ist kürzer, schnippischer und entspannter.
Wenn alles klappt, wird Daniel seinen Bus erreichen und auf direktem Weg zu seinem nächsten Ziel gelangen, denkt sie und fragt sich, wann er die Nachricht finden wird.
Sie blickt auf den Stapel Kärtchen, der vor ihr unter dem Tresen liegt. Auf jedem der Kärtchen hatte sie eine Erkenntnis geschrieben. Im Laufe der Zeit hatte sie bereits die Gelegenheit, einige davon unauffällig zu verteilen.
»Auch diese Nachricht wird wie die anderen zum richtigen Zeitpunkt gefunden werden«, sagt sie überzeugt zu sich selbst.
Dann nimmt sie sich etwas von dem grünen Tee, der in einer großen Kanne auf sie wartet. Er ist mittlerweile zu ihrem Lebenselixier geworden, wenn die Abende lang und die Nächte dafür umso kürzer wurden. Josy umfasst die Tasse mit beiden Händen, geht auf die Terrasse und lehnt sich an den Türstock. Sie beobachtet die vereinzelten Surfer, die bereits jetzt durch die Wellen kraulen. Sie suchen nach dem perfekten Augenblick, um auf ihr Brett zu steigen und sich vom Wasser tragen zu lassen.
Hier, in diesem Moment, ist ihr früheres Leben nur noch eine vage Erinnerung. Karriere, Aufgaben, Hierarchie - all das gibt es für sie nicht mehr. - All das erscheint ihr als nicht mehr als ein surrealer Traum.
Plötzlich umschlingen starke Hände sie von hinten.
»Guten Morgen«, haucht Chris und gibt ihr einen Kuss.
»Schon auf?«, fragt sie verschmitzt.
»Natürlich, was denkst Du?«, antwortet er mit rauer Stimme und schnappt sich eines der Surfbretter, die neben der Hütte im Sand stecken.
Sie blickt ihm hinterher, während er sich auf dem Weg zum Wasser macht.
Wie es wohl mit uns weitergehen wird?, fragt sie sich kurz und Sorge schleicht sich dabei ein.
Sie schließt die Augen und atmet tief ein. Noch bevor sie ausatmet und die Augen wieder öffnet, breitet sich ein sanftes Lächeln auf ihren Lippen aus. Sie erinnert sich an den Satz, der auf dem Kärtchen steht, das sie gerade heimlich Daniel zugesteckt hatte:
Jeder Augenblick, jeder neue Moment ist eine besondere Gelegenheit, Dein Leben neu zu gestalten.
Der Satz passte nicht nur zu ihm – er passte ebenso gut zu ihr. Genauso wie er, hatte auch sie wie immer die Chance etwas Großartiges aus jedem neuen Augenblick zu machen.
Pling – holt sie die Klingel an der Rezeption aus ihren Gedanken und sie spaziert gemütlich zurück an den Tresen, wo sie das Lächeln eines neuen Reisenden empfängt.
Kurz fragt sie sich, welches Kärtchen sie ihm wohl zustecken wird. Ihr Blick gleitet an die Wand hinter ihm, zu den Postkarten aus aller Welt, die davon zeugen, wie oft die Kärtchen ihren Begleiter einen Dienst erwiesen hatten und wie dankbar die Menschen ihr dafür waren.