Die Geburt einer Idee

Die Geburt einer Idee
Er weiß, dass die Idee für das neue Werk bereits existiert und in den Tiefen seines Unterbewusstseins darauf wartet, geboren zu werden. Jetzt ist eindeutig der richtige Zeitpunkt dafür, davon ist er überzeugt. Doch sie widersetzt sich wiederholt seinem Willen.
Normalerweise, wenn sich eine Idee ankündigt, nimmt er schnell Stift und Papier zur Hand, um sie niederzuschreiben und taucht anschließend stundenlang in den Schreibfluss ein.
Doch diesmal ist es anders. Bei jedem neuen Anlauf, den er unternimmt, um sich in die abenteuerlichen Entdeckung einer neuen Gedankenwelt zu stürzen, verschwindet die Idee einfach wieder im Nichts, statt sich mit seiner Hilfe auf dem leeren Blatt zu realisieren. Ungeduldig klopft er mit der Rückseite der Feder gegen das Tintenfass.
»Damit ist jetzt Schluss«, murmelt er entschlossen.
Er dreht die Feder um, taucht sie in die Tinte und … verharrt mitten in der Bewegung über der leeren Seite. Kein Wille dieser Welt scheint die Feder dazu zu bringen, den Beginn der neuen Geschichte niederzuschreiben. Nur ein Tropfen Tinte tropft zaghaft aufs Papier und hinterlässt einen uninspirierten Fleck.
Ist das tatsächlich möglich?, denkt er und zieht skeptisch seine linke Augenbraue nach oben.
Dann lacht er über sich selbst.
Natürlich ist es das – es ist nicht das erste Mal, dass eine Idee sich versteckt. Sie sind nicht immer leicht zu bändigen, sondern manchmal eher komplexe und eigenwillige Wesen.
Mit diesem Gedanken steht er auf und holt sich eine Tasse Kaffee.
Diesen einen kurzen Moment der Ablenkung, nutzt die Inspiration, um sich in vollem Ausmaß in seinem Kopf auszubreiten. Personen und Handlungsstränge sind plötzlich glasklar und Seite um Seite entfaltet sich das Manuskript in seinem Kopf.
Ruhig, als würde er nichts davon bemerken, geht er mit seiner vollen Tasse an den Schreibtisch zurück. Gedankenverloren blickt er dort an die Decke, während er sich innerlich auf das vorbereitet, was gleich folgen wird.
Dann greift er mit einer raschen Bewegung zum Federkiel, um den Augenblick zu nutzen. Er taucht die Metallspitze schnell in die Tinte und setzt schon im nächsten Moment auf der ersten leeren Seite auf.
Da ist er der Schreibfluss, auf den er so lange gewartet hat. Er wagt es kaum inne zu halten und so schreibt er, ohne abzusetzen, Seite um Seite, bis er das Gefühl hat, alles, wirklich alles, aus seinem Kopf zu Papier gebracht zu haben..
Schließlich legt er die Feder ab, atmet auf und massiert sich das Handgelenk. Er kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass er die ganze Zeit die Luft angehalten hat.
Sorgfältig liest er die Zeilen, die er gerade geschrieben hat und nickt zufrieden, als er am Ende des Textes angekommen ist.
»Manchmal braucht es nicht nur Beharrlichkeit ... sondern einen kleinen Moment der Ablenkung, um eine Idee auf die Welt zu bringen«, murmelt er mit einem Schmunzeln und ist dankbar dafür, ein kleines Stück einer neuen Welt aufs Papier gebracht zu haben.